die Praxisgebühr macht die Menschen kranker als alle zuzahlungspflichtigen Arztleistungen je kurieren könnten.
Keine Sorge, ich fange vor dem Hintergrund Ihrer innerparteilichen Blütephase nicht auch noch von der legendären Oma mit der kleinen Rente an, die sich ihre Gesundheit schon seit Jahren nicht mehr leisten kann. Die arme Dame hat das System schließlich bereits exekutiert. Ich spreche auch nicht von Säuglingsuntersuchungen, für die krankenversicherte Eltern gern mal 170 EUR zusätzlich selbst aufbringen müssen, um das junge Leben nicht schon zu gefährden, bevor es selbst bewusst in den Genuss des Gesundheitssystems kommen konnte. Und die illegal angehäuften Milliarden, auf denen die gesetzlichen Krankenkassen sitzen – ach, was sind denn schon Milliarden.
Herr Bahr, ich habe in diesem Quartal dreimal Praxisgebühr bezahlt. Das finde ich vielleicht scheiße, sage ich Ihnen.
Klar, Zahnarzt und Notaufnahme ist immer extra, diesem Geniestreich wohnt gewiss auch ein tieferer Sinn inne, den nur keiner zu verstehen vermag. Ja, ich war beim Zahnarzt, es bleiben also noch zweimal Praxisgebühr.
Wegen wochenlanger Rückenbeschwerden wurde mir ein Neurochirurg empfohlen. Okay, ich bin kein Arztfan, aber nagut: “Hey, es geht immerhin um deine Gesundheit, den Zehner kannst du ja wohl mal in die Hand nehmen”.
Ergebnis: “Bleib’ in Bewegung und wenn es zu schlimm ist, nimm’ magensaftresistente Schmerzmittel!”
Ich fühlte mich schlagartig an die vielen Gründe für meine Arztneurose erinnert. Entsprechend zufrieden mit dem Ergebnis meiner monatelangen Terminwarterei ging ich nach Herzenslust zum Allgemeinmediziner – warum auch nicht, ich hatte ja die zehn Euro schon bezahlt und schaden würde es mir sicher nicht – Sie ahnen es.
“Wir bekommen jetzt zehn Euro Praxisgebühr!”
“Habe ich schon ein paar Straßen weiter bezahlt, ich habe die Quittung dabei!”
“Die nützt nichts, Sie bräuchten da schon eine rückdatierte Überweisung. Können Sie sich beim anderen Arzt abholen, vor Ablauf des Quartals hier vorbeibringen und wir zahlen Ihnen die zehn Euro zurück.”
Von mir aus. Man fühlt sich zwar wie ein trotteliger Bote, der nichts Besseres zu tun hat, als überflüssiges Papier von Praxis A nach Praxis B zu tragen, aber was soll’s. Rückdatierte Dokumente stinken zwar irgendwie zum Himmel und das ist bestimmt auch nicht so ganz in Ihrem Sinne, aber wird schon in Ordnung sein, ich bin hier nur der Bote.
“Hi, ich war vor einem Monat bei Ihnen in Behandlung, jetzt war ich beim Allgemeinmediziner und ich sollte nochmal Praxisgebühr zahlen. Das möchte ich vermeiden und bitte Sie, mir eine rückdatierte Überweisung auszustellen, damit ich die zurück bekomme.”
“Rückdatiert? Das dürfen wir nicht. Das ist verboten. Außerdem ist es für die Buchhaltung der Praxis unerheblich, um welches konkrete Datum es geht, ausschlaggebend ist nur das Quartal.”
“Hm, ja dann gebe ich das mal so weiter, danke.”
Zurück in Praxis B:
“So, hier die Überweisung. Das mit der Rückdatierung wollten die beim anderen Arzt nicht machen, das ist nämlich nicht zulässig.”
“Aber das ist ganz klar unsere Anweisung und so geht das jetzt nicht.”
“Bin ich jetzt schuld? Sehe ich nicht ein. Ich kann doch wohl am Wenigsten dafür. Verstehen Sie, wie absurd das ist, wenn man einerseits 20 EUR los ist, aber Quittungen und Überweisung gleichzeitig in Händen hält?”
“Ja, sicher. Aber ich muss das sonst aus meiner Tasche zahlen, verstehen Sie?”
Naja, das Gespräch nahm seinen Lauf und endete damit, dass mir angedroht wurde, nicht weiter behandelt zu werden. Natürlich hätte ich sagen können, ich suche mir einen anderen Arzt. Ich gehe eh kaum zu Ärzten. Aber ich hatte ja auch schon genug gemotzt und die Sprechstundenhilfe war sauer und ja, sie konnte eigentlich auch nix dafür und JA MAN ICH GAB NACH.
Meine Rückenschmerzen kosteten mich in diesem Quartal bis dato ganze 133 EUR, einige Monate Wartezeit auf Termine und viele langweilige Stunden in Wartezimmern, den letzten Nerv – und sie sind trotz allem noch nicht ansatzweise besser geworden. Ich wälze mich in Frohmut wie Sie in Wahltrends.
Herr Bahr, ich krieg ‘n Zehner. Oder eine rückdatierte Überweisung.





