Natürlich ist es schön hier. Jeder Hamburger, der seine Hafenstadt für was ganz Tolles hält, vertritt eine für mich uneingeschränkt nachvollziehbare Sichtweise.
Dennoch: Manchmal zieht es einen geradezu zurück auf’s Dorf oder ans Meer. Ruhe, ey. Wenigstens mal kurz.
Anlass für diesen Eintrag gibt mir heute die wirklich unzumutbare Masse an Menschen in der Innenstadt, die einem momentan einen Brokkoli ans Ohr labern will. Es ist wirklich zum Kotzen, oder?
Gemeint sind gar nicht die Omas auf den Weihnachtsmärkten, denen es am Glühweinstand nicht schnell genug gehen kann, die aber bei der Fortbewegung in ihren Meuten stets behutsam Acht geben, sich auch ja möglichst nebeneinander im Tempo eines Versteinerungsvorgangs vorzuwagen, um auch zielsicher den ganzen Weg zu versperren. Die sind cool.
Es geht vielmehr um diese Umfrager und Eintreiber. Und Neukunden- oder Spendergewinner.
Es ist fast nicht übertrieben zu behaupten, sie lauern an jeder Ecke. Ist ja Weihnachtszeit. Geberlaune. Bevorzugt am Eingang Spitalerstraße des Hauptbahnofs, auf dem Schnittpunkt von Mö und Spi, an der Mö Ecke Gerhart-Hauptmann-Platz,…
Ihr müsst unter diesen Umständen mal in der Stadt eure Mittagspause verbringen. Das ist unvergleichbar erholsam. ASB, Malteser, Unicef, NABU, Süddeutsche Zeitung und DRK, um nur einen Auszug aus der jüngsten Erinnerung wiederzugeben, bringen sicherlich total gute Dinge nach vorn. Das stelle ich gar nicht in Frage. Es hat auch, um mal unverfroren von mir auf die Allgemeinheit zu schließen, grundsätzlich niemand ein Problem damit, mal ein paar Fragen zu beantworten oder sich sogar von der einen oder anderen Sache begeistern zu lassen und sie zu unterstützen.
Aber in diesen Massen wird einfach nur das Gegenteil erreicht. Man hat echt keine Lust mehr, sich vollquatschen zu lassen und dann in den meisten Fällen um verhängnisvolle Mitgliedschaften und letzten Endes sowieso wieder nur Geld gebeten zu werden. Man bewegt sich enorm vorausschauend durch die Stadt, um bloß nicht in den Kommunikationsradius eines mit Klemmbrett geschmückten Knäuels gespielter Freundlichkeit zu gelangen.
Ich kann mich in meiner Pause gar nicht frei bewegen. Vielmehr bin ich damit befasst, mir die nächste Lüge einfallen zu lassen, die ich dem schon in Sichtweite befindlichen Nervsack aufdrücke, um möglichst schnell aus der Situation zu entkommen. Das stumpft völlig ab und man will wirklich gar nicht mehr wissen, worum es im konkreten Fall geht. “Lasst mich doch bitte bitte alle in Ruhe.”
Diese Leute gibt es in unterschiedlichen Dreistigkeitsstufen. Die einen murmeln einfach leise irgendwas über Tierschutz in ihren Schal und man kann gemütlich weitergehen. Die anderen aber stellen sich dir so in den Weg, dass du einen Bogen laufen musst, reden dich an mit JUNGER MANN, als wollten sie geradezu polizeilich auf ein beobachtetes Vergehen aufmerksam machen – und wenn du ablehnst, dich auf das Gespräch einzulassen, sei es mit einem ehrlichen oder geflunkerten Grund, dann wird noch längst nicht locker gelassen. Das macht mich echt ein bisschen wütend, obwohl man da ja drüber stehen sollte, um sich sein Leben halbwegs erträglich zu gestalten.
Bei einem der letztgenannten Außendienstler ging ich jedenfalls neulich ins Netz. Der wollte mir ein zweiwöchiges Testabo der Süddeutschen Zeitung aufquatschen und fing noch im gleichen Satz davon an, wie easy man da wieder rauskommt. Ich sollte es doch wenigstens machen, um ihm einen Gefallen zu tun. Maaaan, ja ey, warum nicht, Hauptsache du gibst Ruhe, ich kann mich halbmüde da jetzt nicht rausreden. Ausgefüllt den Wisch, ein paar Tage später dann fristgerecht wieder gekündigt, um nicht in die fiese Abofalle zu tappen. Rückantwort: Meine Daten seien noch gar nicht erfasst und deswegen können sie die Kündigung noch gar nicht entgegennehmen. Ende vom Lied: Ich habe das Gerenne, kann jetzt nochmal irgendwann kündigen und dumme Fristen einhalten um mit aller Kraft ein dauerhaftes Halsabschneider-Zeitungsabo zu umgehen – für eine Zeitung, die ich eigentlich zu keiner Zeit haben wollte. Im Ergebnis hat sich so mein Eindruck von der Zeitung kaum verbessert und die ganze Werbeaktion ging eigentlich ziemlich nach hinten los.
Man will ja immer nicht unfreundlich sein und neigt dazu, sich das alles anzuhören. Und wenn man gerade keinen guten Grund hat, trifft man Entscheidungen, die man zwei Schritte weiter (das entspricht etwa zehn Schritte vor dem nächsten Quatschtrottel) schon wieder bereut.
Ich ging gestern (besser gesagt: ich quälte mich) mit einer Bierkiste durch die überlaufene Innenstadt (fragt nicht) und werde sogar in dieser Situation noch angelabert. “Hey, hast du kurz…” – “SEH ICH SO AUS ODER WAS?” – Der hatte es zwar sicher nicht böse gemeint und ich wollte den rückblickend auch gar nicht so ankarren. Es staut sich aber irgendwie an. Die Leute genießen in ihrer oft hinterhältigen Gesamtheit wohl nicht unbedingt das höchste Ansehen.
So kommt es, dass man für wirklich wichtige Dinge gar nicht mehr empfänglich ist. Man vermutet immer nur geschäftliche Absichten bzw. GELDGELDGELD hinter dem scheinfreundlichen Getue, stumpft gegenüber den wichtigen Anliegen völlig ab und will sich einfach nichts mehr anhören. Jeder sieht nur noch zu, dass er einfach mal in Ruhe gelassen wird. Ziemlich schade eigentlich, so menschlichkeitstechnisch.
Wer nicht täglich in der Stadt ist, mag das gar nicht so stressig oder nervig empfinden. Für alle anderen ist es absolut belästigend.
Macht euch doch alle mal ein bisschen locker, bitte.
Ich jedenfalls freue mich in diesem Jahr wie selten zuvor darauf, über Weihnachten hier mal rauszukommen.
Vielleicht bin einfach nur alt, aber vielleicht ist es auch wirklich kein bisschen schön so.







